Kunst

Die Notwendigkeit des Scheiterns – die Kunst der 90er Jahre

Tiravanija Rirkrit, 2010

Die Notwendigkeit des Scheiterns – die Kunst der 90er

Die Kunsthalle Hamburg zeigt die Ausstellung “Besser scheitern“ und Kurator und Kunstpublizist Raimar Stange spricht im Kunstverein Hamburg über die Kunst der 90er Jahre. ThreeWords Autorin Neo besuchte ihn dort, um zu erfahren, ob die Kunst der 90er Jahre wirklich eine Geschichte des Misserfolgs ist.

„Es gibt mehr Leute die kapitulieren, als solche die scheitern“, sagte Henry Ford, denn in unserer heutigen Gesellschaft sind mehr denn je Erfolg und Karriere, Leistung und Gewinnmaximierung gefragt. konsequenterweise bezeichnete der amerikanische Soziologe Richard Sennett das Scheitern als das „große Tabu der Moderne.“ Zu Versagen gehört zum Alltag. Aber kaum jemand wagt es von seinen Niederlagen zu sprechen. Doch ist das Scheitern nur Zerstörung und Endstation? In der Kunst ist das Misslingen schon immer ein produktiver Prozess aus dem Neues und Ungeahntes entstehen kann.

Raimar Stange, Experte in „Sachen Scheitern“, beschreibt „wie in der Kunst der 90er der Konsument noch viel mehr am Machen des Werkes beteiligt war.“ Bezeichnend für diese Dekade sind vor allem Aspekte wie der Berliner Mauerfall, die Konsum-Kultur oder auch die Globalisierung. Der große Durchbruch des Internets wurde zum alltäglichen Werk- und Spielzeug einer Gesellschaft in der Menschen in bisher ungewohntem Umfang und Tempo vernetzt wurden. Diese Erneuerungen hatten großen Einfluss auf die Kunst und so kristallisierte sich heraus, das nicht mehr die Produktion von Dingen, sondern die Verarbeitung von Symbolen, Daten, Worten Bildern und Klängen in den Vordergrund rückte, so der Kunstexperte in seinem Vortrag.

Nichts zu produzieren, sondern viel mehr symbolische Bezüge zu schaffen, heißt für die Kunst auch, den traditionellen Werkbegriff tendenziell aufzulösen. Dies passierte in den 90er Jahren, laut Stange, durch verschiedene Strategien:Dem Crossover, das Künstler aus diversen Grenzüberschreitungen resultieren ließen, sowie der bewussten Provokation und dem Erschaffen von Situationen. Aber auch immateriellen Sinnestäuschungen, der multiplen Autorenschaft oder kalkuliertem Zynismus.

Der Kurator Stange zeigt am Beispiel der US-Amerikanischen Malerin Elizabeth Peyton wie ein Crossover von Pop und Malerei zusammen wirken kann. In den 90er Jahren, malte Peyton vor allem Porträts von Rockstars und von berühmten Hollywood-Filmschauspielern. Wie zum Beispiel der Band Oasis, Kurt Cobain von Nirvana oder Leonardo di Caprio. Dies alles waren Männer die mit androgynem Aussehen bestachen. Die Symbolik dieser Männer ist für Peyton so etwas wie eine menschgewordene Utopie, Figuren, die von einem besseren Leben träumen und genau das mit ihrem Tun, ihrer Kunst oder ihrem Lebensstil nach außen tragen. Und meist daran scheitern.Elizabeth-Peyton, Jarvis

Die beiden Star-Systeme Rock und Film interpretiere Elizabeth Peyton einerseits wie ein pubertierender Fan, andererseits verkörpere sie dabei auch die sensible Malerin – ein Crossover, der typisch postmodernen Art. “Das Resultat dieses Crossovers ist Malerei, die in gewissem Sinne schlecht gemacht ist“, so Stange. “Handwerklich unausgereift wie die Schwärmereien einer 16jährigen oder die Musik einer frühen Punkband.“ Andrerseits seien Ihre Bilder aber auch exzellent und einfühlsam. Dennoch werde die autonome Malerei aufgelöst, indem die Künstlerin für Ihre Porträts Pressefotos oder Filmstills als Vorlagen nutze und nie nach „der Realität“ male, wodurch sich Peytons Kunst als symbolanalytische Dienstleistung entpuppe und die Fotografen ihrer Vorlagen zu Co-Produzenten würden. Denn das Gemälde ist nicht originär von der Künstlerin erschaffen, sondern basiert vor allem auf der Interpretation real-existierender Daten.

Crossover  von Mode und Kunst

Ein weiteres, für die 90er Jahre, typisches Crossover, erklärt Stange, sei dass von Mode und Kunst. Markus Schinwald, Maler, Fotograf, Installations- und Performancekünstler, ursprünglich aus dem Bereich Mode kommen, erfand 1997 das „Jubelhemd.“ Ein konventionelles weißes Oberhemd, das allerdings so geschnitten ist, das man die Arme in die Höhe recken muss, um es tragen zu können. „Man ist also mit dieser Geste zum beständigen Jubeln gezwungen, mit der das „Jubelhemd“ zur Zwangsjacke wird.“, so Kenner Stange bei seinem Vortrag im Kunstverein Hamburg. Hier wird das Scheitern, als kalkuliertes Stilmittel eingesetzt und dient auch als Bild für eine Euphorie, die auf verschiedene Weise charakteristisch für die 90er war: In Form des Glaubens an die basisdemokratische Kraft des Internets oder in Form des wirtschaftlichen Aufschwungs nach dem Ende des Kalten Krieges und der sich in dessen Folge gnadenlos entwickelnder Pop und Konsumkultur. Luxus wurde in den 90ern zum Massenphänomen: Teurer Alkohol war an jeder Tankstelle erhältlich und Erfolg zu haben war leichter denn je. Dass all dies Trugbilder waren, erfahren wir heute durch diverse Krisen. Das schmerzverursachende „Jubelhemd“ Schinwalds deute genau dies an und erhebe das Unperfekte zum Status Quo einer zum Erfolg verurteilten Gesellschaft, in der es keinen Platz zum Scheitern gäbe.

Die Crossover Künstler Irene und Christine Hohenbüchler, die Kunst und Sozialarbeit in ihren Werken verbinden, haben damals, laut Raimar Stange, den Begriff der multiplen Autorenschaft geprägt. Die Zwillingsschwestern arbeiteten immer wieder mit gesellschaftlichen Randgruppen zusammen, die in den Augen der Gesellschaft gescheitert waren. Mal waren es Gefängnisinsassen oder Menschen mit körperlichen Behinderungen und psychisch oder mental labile Personen, die innerhalb des Kunstprojektes einen neuen, unverurteilten Ausdruck ihrer Persönlichkeiten, als auch Ideen zeigen konnten.

Besser scheitern - Kunsthalle Hamburg

Sozialkritische Kunst von Rikrit Tiravanija

Den sozialkritischen Künstler Rikrit Tiravanija präsentiert Kunstpublizist Stange zu guter Letzt: Der Aktionskünstler Tiravanija verschärft den Blick auf das bewusste Scheitern in der Gesellschaft, vor allem als kalkulierter Part seiner eigenen Kunst: Der in den 90ern in New York und Berlin lebende Künstler ist bekannt für seine performativ angelegten Installationen, bei denen Essen meist eine große Rolle spielte. In seiner Installation „Living Installation“ aus dem Jahre 1997 (Eine Demonstration von Faust als Würstchen und Franz Biberkopf als Kartoffel) teilte Tiravanija einen Galerieraum in Berlin-Mitte durch eine Treppenartige Tribüne, die gleichzeitig als Barrikade agiert und so tendenziell den Durchgang verhinderte. Zudem lehnten noch zwei monochrome Platten an den Wänden, als Sinnbild für „Bretter die, die Welt bedeuten.“ In diesem Bühnenartigen Setting zitieren die beiden Protagonisten „Wurst und Kartoffel“ Zitate aus „Faust“ und „Berlin Alexanderplatz“ (1929) und versuchten das auf der Tribüne sitzende Publikum zu integrieren.

Rirkrit Tiravanija Inszenierung zeigte einen Hybrid aus Theater, Galerie und öffentlichem Konsumraum, der alle drei Elemente symbolisch miteinander vernetzt. Die Situation bietet die Trennung von Leben und Kunst, den interaktiven Split zwischen Publikum und Künstler – doch das Scheitern dieses Versuches, so Stange, ist bei seiner Arbeit mitbedacht. Man denke nur an die Barrikade artige Tribüne, die den Moment der passiven Rezeption ebenso demonstriert wie der Wurstverkäufer, der dem Käufer das Kochen abnimmt. Außerdem sind die sonst gereichten Köstlichkeiten einer Mitte Galerie, dem „Niveau“ der schicken Besucher angepasst. Der Zynismus ist wohlkalkuliert und Rirkrit Tiravanija betonte dadurch die real-existierende Einkommensschere zwischen Reich und Arm, die in 90er Jahre in der allgemeinen Euphorie zunächst unbemerkt, vielleicht auch deswegen aber umso drastischer auseinander ging, erklärt Raimar Stange. Präzise zeichnet der Künstler hier ein Bild, dass die emanzipativen Versprechen der Dekade, nach mehr Partizipation und nach mehr Wohlverstand für alle und die Verlogenheit dieser Utopie so spielerisch wie schonungslos offenlegt.

Rirkrit Tiravanija

Optimismus und grenzenloser Glaube

Endgültig beendet waren die 90er Jahre dann am 11. September 2001, denn mit „9/11“ hatte der Optimismus und grenzenlose Glaube an die Zukunft des Kapitalismus einen ersten harten Rückschlag bekommen. Auf der im selben Jahr stattgefundenen documenta, spielte die reale Ästhetik kaum noch eine Rolle. Auch im Jahr 2013 ist das Scheitern aus dem Leben und der Kunst nicht wegzudenken. So zeigt die Kunsthalle Hamburg noch bis zum 11.August die Ausstellung: „Besser scheitern“, bei der hochkarätige Künstler wie Marina Abramovic, Steve McQueen oder Christoph Schlingensief das Thema unter die Lupe nehmen. Mit rund 20 Video und Filmarbeiten von den 1960er Jahren bis heute, wird das Scheitern, fast als positive Energie des Lebens in den Vordergrund gerückt. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt oder wer nie gescheitert ist, wird auch niemals brillant sein. Die internationalen Künstler nehme sich der Philosophie des Scheiterns in vielschichtigen Aspekten an: Mal spielerisch, mal lustvoll oder tragisch, trauernd und überraschend. Scheitern, so wissen wir jetzt, ist eben ein notwendiger Umweg, keine Sackgasse.

 

 

1. März 2013

About Author

Neo ist gut in drei Worten zu beschreiben: Blogger.Lover.RiotGirl. Ihr Herz hat sie in London verloren und in Hamburg wiedergefunden. Mit ihrem lauten Lachen steckt sie nicht nur zu neuen Abenteuern an, sondern nimmt das Leben mit dem gewissen Sinn für Humor ernst. Sie ist immer auf der Suche nach neuen Geschichten und Menschen, die wie sie voller Liebe zum Leben sind und zwischen den Zeilen zur Ruhe kommen. Widerstand ist ihr Lebensmotto! Frei fühlt sie sich auf Reisen und in kleinen, dreckigen Spelunken, in denen sie gerne Kurze kippt und versucht die Jukebox zu bedienen.


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