Interview

Frank Müller – Experimentalfilm aus Hamburg

Der Hamburger Künstler Frank Müller

Der Hamburger Filmemacher Frank Müller

Die Sehnsucht nach alten Zeiten inszeniert er gekonnt in seinen Filmen. Er lebte in Moskau, studierte in der Meisterklasse von Wladimir Matyl, um Jahre später seine neue Heimat in Hamburg zu finden. Zur Geschichte hat er ein romantisches Verhältnis, das auch seine Leidenschaft für Experimentalfilme geprägt hat.

Du hast Geschichte und Kunstgeschichte studiert – war die Vergangenheit schon immer ein Thema für dich? Ja irgendwie schon. Vielleicht eher unterbewusst. Meine Sachen sehen halt nie so hochpoliert, modern aus. Meine ersten Filme waren in ihrer Ästhetik vom expressiven Stummfilm beeinflusst. Schwarz weiss – kontrastreiches Licht. Da habe ich viel mit 16mm-Film gedreht, den selber entwickelt, durch den Tee gezogen, damit er noch älter und veranzter aussieht. Na und jetzt sind es alte Fotos und 8mm Filme, mit denen ich was mache.
Ansonsten, Geschichte, hat mich schon immer fasziniert, wahrscheinlich habe ich da so ein romantisches Verhältniss dazu, auf keinen Fall ein wissenschaftliches, pädagogisches. Alte Sachen und Geschichten finde ich halt irgendwie faszinierend.

Wann hast du angefangen zu verstehen, dass Film und Regie deine Elemente sind und du dein Leben damit füllen möchtest? So dramatisch würde ich das jetzt nicht ausdrücken. Hat sich bei mir so ergeben. Pö á pö. Vor 23 Jahren habe ich angefangen Experimental-Filme zu machen. Das hat unheimlich viel Spaß gemacht. Die Filme wurden gut aufgenommen. Da habe ich dann einfach weitergemacht. Am meisten liebe ich das Schneiden, das Spiel mit Rhythmus, Ton und Bild. Da kann ich mich richtig drin verlieren. Ja, das erfüllt mich. Das habe ich vielleicht vor ungefähr 20 Jahren dann so richtig verstanden. Also habe ich einfach weitergemacht.

Du hast in den 90ern in der Metropole Moskau gelebt. Wie hat dich diese Stadt geprägt? Moskau. Ganz kurz, das war die beste Zeit meines Lebens. In Moskau war in der Zeit der Privatisierung alles möglich. Die Stadt, die Menschen, die Gesellschaft alles hat sich ständig geändert. Das war unglaublich berauschend.Ich kann nicht sagen, was mich da nachhaltig geprägt hat. Es war auf der einen Seite grenzenlose Freiheit ein Rausch, auf der anderen Seite aber ein richtiger Kampf. Aber das erfahren wohl viele in dem Alter zwischen 20 und 30. Deshalb kann ich nicht sagen, was mich so Moskau-typisch geprägt hat.

In deinen Jahren in Russland hast du Regie studiert in der Meisterklasse von Wladimir Matyl. Wer war dieser Mann und was hast du in dieser Zeit von ihm gelernt? Matyl ist in Russland eine Legende. Er hat den Kultfilm der 70ger Jahre gedreht: „Белое Солнце пустиние“. Die gleißende Sonne der Wüste. Hört sich an wie ein Western, ist auch einer. Naja, eher so eine Art romantischer Western, der aber in Zentralasien zur Zeit des Bürgerkrieges spielt. Als er uns seinen neuen Film gezeigt hatte, war ich fürchterlich enttäuscht.Ich fand ihn zu lang, träge und schlecht gemacht. War wahrscheinlich ungerecht von mir und kam auch daher, das wir uns gegenseitig nicht wirklich verstanden. Aber er hat mal was zu meiner ersten Semesterarbeit gesagt, was ich bis heute nicht vergessen habe.

Er sagte: Ein Flugschüler muss zuerst Starten und Landen lernen. Erst wenn er das kann, kann er anfangen Loopings und Kunststücke zu machen. Mein Film, auf den er sich da bezog war eine krude überladene Geschichte über den Konflikt eines Kunstlehrers mit seinem Schüler, Spiel- und nicht Experimentarfilm. Voller Symbolik und Zitate. Eine Metapher darüber, dass sich alles ändert, Neues kommt und das Alte zu Grunde geht, am Beispiel von dem Siegeszug der neuen Kunst der Filmkunst, der wie die Photografie die Malerei verdrängte und blablabla.
Fürchterlich überladen halt.

Ich habe mich übrigens nicht an seinen Satz gehalten. Irgendwie komme ich immer runter und manchmal bin ich einfach in der Luft.Aber irgendwie ist der Satz hängen geblieben, wahrscheinlich beeinflusst er mich auch manchmal. Manchmal wird mir halt bewusst, dass ich bei all meinem Hang zu formalen, verkünzelten dramatischen Filmgestaltung nicht den Inhalt vergessen sollte, also die Geschichte um was es geht. Aber wie gesagt so doll halte ich mich nicht an seinen Tipp.

Filmemacher Frank Müller

 

Was sind die Unterschiede zu Russland und Deutschland in Regie und Drehbuch? In Russland, hat der Regisseur, oder generell der Künstler eine sehr exponierte gesellschaftliche Stellung. Im Dezember war ich in Russland bei einer Bekannten zu Gast. Wir saßen mit anderen Leuten am Tisch und das Gespräch kam auf einen recht erfolgreichen aber auch recht unsympatischen Regisseur. Er ist zum Beispiel dafür bekannt, dass er seine Mitarbeiter regelmäßig ausnutzt und wenig oder gar nicht bezahlt. Die Quintessenz von meiner Gastgeberin war dann. „Ein Regisseur muss ein Arschloch sein“.

Sie begründete das damit, dass wenn man eine Vision hat, dafür kämpfen muss diese durchzusetzen, oder das Recht hat für die Kunst über Leichen zu gehen. Und genau so habe ich das in Russland auch erlebt.Das war immer Stress. Die Leute am Set sind einen Regisseur gewöhnt, der rumschreit und sich wie die Axt im Wald benimmt. Das musst du machen, sonst wirst du nicht ernst genommen.Sonst tanzen dir alle auf dem Kopf herum in Russland. Das habe ich immer als extrem anstrengend gefunden. Als ich dann nach Deutschland kam, empfand ich es dann als extrem wohltuend, das man hier im Team arbeitet, dass man sich mit dem Kameramann auch während der Drehs beratschlagen kann.

„Wie würdest du das den machen?“ – In Russland undenkbar. Das führt aber auch dazu, das die russischen Filme viel mehr Autorenfilm sind als es hier der Fall ist. Und das ist dann wieder ein positiver Effekt. Und da die Russen ihre Künstler lieben und wir auch von dem russischen Kino fasziniert sind, ist man fast versucht der Meinung meiner Bekannten da Recht zu geben.

Hast du Vorbilder, Menschen oder Kunst die dich inspiriert? Das ändert sich fast täglich. Je nach dem was ich gerade lese, höre oder sehe. Aber ich muss immer wieder an einem Freund von mir denken: Djamshed Usmanow, ein tadshikisher Filmemacher, mit dem ich in Moskau studiert habe. Er war kaum beim Studieren, hat um über die Runden zu kommen als Hausmeister gearbeitet.Dann irgendwann hat ihm ein koreanischer Student angeboten mit ihm einen Kurzfilm in Tadschikistan zu drehen. Er hatte 10000 $. Aus dem Kurzfilm wurde ein Langfilm, der auf internationalen Festivals lief, dann drehte er noch einen Film, der dann in Cannes lief und anschließend noch einen, den er dann auch mal beim Hamburger Filmfest, ich glaube so vor 5 Jahren, mal gezeigt hatte.

Er erzählte mir, dass er den Film in nur 6 Monaten realisiert hat. Aber den letzten Film hatte er doch vor 3 Jahren gemacht. Was er dann in der Zwischenzeit gemacht, wollte ich wissen. Den jetzigen Film vorbereitet?Nein, nichts hat er gemacht. Wie ein Elefant einfach nur dagesessen, gelesen, gedacht.
Und was hatte ich gemacht in der Zeit? Drei Jahre irgendwelche TV-und Imagekram-Sachen gemacht, Geld verdient und wieder ausgegeben und nichts Nachhaltiges produziert. Er aber punktgenau, zack einen Film hingesetzt und Kohle-mäßig genau so viel verdient wie ich in 3 Jahren. Den Rest nichts gemacht. Gelebt. Gewartet.Das hat mir zu denken gegeben und tut es immer noch.

Experimentalfilm aus Hamburg - Frank Müller

Woher kommt deine Begeisterung für Dokumentarfilme? Wenn ich ehrlich bin, schaue ich mir lieber Spiel-als Dokumentarfilme an. Sind irgendwie spannender. Ich mache aber lieber Dokumentarfilme, weil das meiner Art, wie ich arbeite näher kommt.Naja, ich komme aus dem Experimentarfilm. Da macht man oft alleine selber etwas und ist ganz alleine der Autor. Das ist beim Dokumentarfilm oft genau so. Die Teams und damit die Budgets sind viel geringer als beim Spielfilm. Dadurch hast du halt viel größere Freiheiten. Viele meiner Filme entstehen ja auch im Schnitt. Als Bildmaterial, kannst du ja alles Ursprungsmaterial nehmen. Alte Bilder, Filme selbst gedrehtes Material. Und da ist der Schritt vom Experimentalfilm zum Dokumentarfilm sehr schnell getan.

Seit 1998 arbeitest du als Freier Regisseur und lebst in Hamburg. Du produzierst unter anderem Imagefilme, Werbeclips, Fernsehbeiträge und Dokumentarfilme. Für welches Genre schlägt dein Herz am meisten? Klar schlägt mein Herz eher für die freieren Arbeiten, wie Dokumentarfilme und Videoclips. Aber ich kann mich auch manchmal in einem Fernsehbeitrag oder Imagefilm verlieren. Oft macht einfach nur die Arbeit Spaß, eben mit Musik und Bildern zu arbeiten, was schönes zu schneiden. Obwohl man dann vielleicht nicht wirklich stolz auf das Endresultat ist.

Du hast letztes Jahr den Experimentarfilm „Laphiten und Centauren” produziert. Worum geht es und wie bist du auf dieses Thema gekommen? Der Film basiert auf einer Geschichte aus Ovids Metamotphosen. Hier treffen sich die Lapithen, edle Riesenmensch und die wilden Zentauren zu einem großen Fest, einem Hochzeitsfest. Einer der Zentauren hat zu viel getrunken und will die Braut rauben, aber so richtig. Darauf gibt es Streit und das Morden beginnt. Die Geschichte stand als Sinnbild des Kampfes des Triebhafen und Wilden im Menschen.Der Film hat damit aber nicht viel zu tun. Den Text habe ich vor 20 Jahren gelesen und ich fand ihn einfach toll. Beeindruckend wie das Abschlachten und Töten in schönen Reimen beschrieben ist:

„Klumpen geronnenen Bluts und Gehirn und Most durcheinander, Speiend aus Wund‘ und Rachen, gestreckt im gefeucheten Sande,Zappelt er.“ Ist doch toll oder? Und so geht das mehrere Seiten lang. Darüber wollte ich schon lange einen Film machen. Letztes Jahr hat mich Alev eine alte Freundin angerufen und mir auf dem AB gesprochen. Und sie hat so eine tolle Stimme. Glockenklar und hell. Wunderbar. Da dachte ich mir, dass sie mir diesen Text einlesen sollte. Irgendwas werde ich schon damit machen. Wir gingen dann spazieren und redeten darüber und dann kamen wir an dieser Baustelle vorbei. Es war dunkel, wurde aber noch gearbeitet.

Und dann diese dramatischen und theatralischen Bilder. Die Bagger wurden von Scheinwerfern beleuchtet und hoben sich vom schwarzen Himmel ab. Sie sahen aus wie Dinosaurier oder Monster, die alles wild und unerbittlich niederbeißen und reißen. Naja und da wusste ich, das das zu dem Text passen würde. In der Postproduktion habe ich dann alles noch auf die Farben Orange, schwarz und weiss reduziert, damit die Bilder an eine griechische Vase erinnern. Ne Musik hatte ich auch. Ein Freund von mir Nathan Steinhagen hatte mir vor Jahren ein selbst komponiertes Klavierstück gegeben. Das ist großartig. Das wollte ich schon immer mal nutzen.Na und so ist alles zusammen gekommen. Der Film war ein Geschenk. Ohne viel nachdenken. Gibt es auch manchmal…

Du beschreibst mir in einem Monolog voller Gedanken, das dich “oft eine romantische Sehnsucht nach den alten Zeiten befällt, in denen alles einfacher, authentischer und klassischer scheint.” Hast du Angst vor der Zukunft? Nein. Ich bin eigentlich recht optimistisch. Ich hoffe immer noch auf eine goldene Zukunft, alles habe ich noch vor mir Ich bin gespannt was noch kommt. Obwohl ich natürlich auch merke, dass ich älter werde und die Zeit langsam knapp wird. Aber nein, als ich noch jung war, (und noch viel optimistischer) hatte ich schon eine romantische Sehnsucht nach alten Zeiten, bin im Gehrock und Frack rumgelaufen und trug weisse Hemden.

Du strebst in deinen Filmen nicht nach Perfektion, sondern nach Unvollkommenheit. Warum ist dir diese so wichtig? Ach ne. Eigentlich strebe ich schon nach Perfektion. An so einem Drei-Minuten-Film wie den Lapthen habe ich mehrere Tage geschnitten und dann noch extrem lange am Ton gesessen, damit auf jede Note das passende Geräusch und das richtige Bild passt.Bei Herrn Schultz, da war der Film schon fertig, habe ich die ersten 5 Minuten, weil sie mir zu digital erschienen komplett neu gemacht – analog. Die ersten 5 Minuten zeigen Fotos die unter Wasser herumwabern. Das war vorher alles in After Effekt entstanden. Ich habe dann alle Fotos im Aquarium noch mal abgefilmt, damit es natürlicher wirkt. Da bin ich schon sehr genau. Was du meinst ist vielleicht die Bildsprache. Da mag ich es eher ein bisschen kaputter, krisseliger und nicht so “perfekt” im Sinne von glatt.

2013 hast du angefangen den 90minütigen Dokumentarfilm “Provinzmädchen” zu produzieren. Was erwartet uns? Das ist ein kreativer Dokumentarfilm. Es wird kein Kunstwerk und kein Experimentarfilm sein. Eher eine emotionale Geschichte vielleicht hier und da ein bisschen ungewöhnlich (für einen kommerziellen Lang-Dokumentarfilm) inszeniert. Ich mache diesen Film um mich mal in einem Langfilm zu versuchen. Ausserdem möchte ich auch irgendwann vom “kreativem” Filme-machen leben. Zum Thema: Vor 20 Jahren habe ich mit Tatjana Bozic einen Film in Russland gemacht „Provinzmädchen“. In dem Film porträtierten wir drei junge ambitionierte russische Frauen, die aus der russischen Provinz gekommen sind um in Moskau ihre Träume zu verwirklichen. Der Film war für Russland sehr kontrovers, da er einen für die Zeit des Wandels neuen Menschentypus zeigte. Er gewann auch einige Preise und wird heute noch den Film-Studenten in Moskau gezeigt. Und jetzt 20 Jahre später wollen wir nach Russland zurück und schauen, was aus ihnen geworden ist.

Ich werde dort natürlich auch wieder mit alten Material und alten (in diesem Fall sowjetischen) Mythen spielen. Aber es wird auch Portraits von neuen Provinzmädchen werden und damit ein Film über das neue Russland. EineZeitreise von 20 Jahre. Den Film mache ich mit der selben Frau zusammen, mit der ich vor 20 Jahren auch den alten Provinzfilm gemacht habe. Sie kann wunderbar menschliche emotionale Geschichten einfangen. Ist dabei auch sehr künstlerisch. Ihr letzter Film lief letzten Monat auf dem Filmfestival in Rotterdam. Deshalb wird der Film ein bisschen von uns beiden haben und ganz anders als meine anderen Filme.

Frank, vielen Dank für deine Zeit und dieses intensive Interview. Wir sind sehr gespannt auf deinen neuesten Film „Provinzmädchen“ und werden deine Arbeit weiter verfolgen, die uns sehr begeistert und bei uns Impulse gesetzt hat.


Doppelplusultra | Frank Müller | Experimentalfilm | Hamburg |

 

4. Juni 2016

About Author

Neo ist gut in drei Worten zu beschreiben: Blogger.Lover.RiotGirl. Ihr Herz hat sie in London verloren und in Hamburg wiedergefunden. Mit ihrem lauten Lachen steckt sie nicht nur zu neuen Abenteuern an, sondern nimmt das Leben mit dem gewissen Sinn für Humor ernst. Sie ist immer auf der Suche nach neuen Geschichten und Menschen, die wie sie voller Liebe zum Leben sind und zwischen den Zeilen zur Ruhe kommen. Widerstand ist ihr Lebensmotto! Frei fühlt sie sich auf Reisen und in kleinen, dreckigen Spelunken, in denen sie gerne Kurze kippt und versucht die Jukebox zu bedienen.


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