Kolumne

Gib mir dein Profil – ich zeig Dir meines!

Wir schreiben  das Jahr 2012  in dem Facebook an die Börse geht. 2012 das Jahr, in dem die meisten Smartphones weltweit an den Mensch gebracht werden. 2012 – das Jahr der ständigen Verfügbarkeit? Ich sitze mit meiner Freundin Becky aus Freiburg in einer Hamburger Bar, neben unseren Weingläsern unsere super modernen Smartphones…

Da! Es blinkt!

Ich greife nach meinem Handy, und schon bin ich abgetaucht in die Welt der Verführung, bestehend aus gnadenlosen Antworten, stressigem Getippe und bin innerhalb weniger Sekunden ganz woanders mit meiner Gedankenwelt. Ich schweife ab, in einem Raum der zeitlos ist. Der mir so wichtig vorkommt in diesem Moment. Farblos ist. Mich einsaugt, um sich greift, mich wegzerrt von meiner Freundin, meinem Glas Wein, der wunderbaren Atmosphäre in der Bar und den lachenden Menschen um mich herum. „Neo!“ die Stimme meiner Freundin lässt mich hochschrecken. „Das ganz schön unhöflich was Du da machst!“. Stimmt und unwichtig will ich anmerken. Eigentlich bin ich schon selbst total genervt von dieser Paralellwelt, in der man sich auf Facebook trifft, auf Skype redet und twittert und überall, egal wo man ist, Anrufe, Text- und Mailboxnachrichten erhält.

Verlink‘ mich Stasi-Freund!

Schnell poste ich noch das Becky und ich im „Haus 73“ sind. Da sind wir. Genau jetzt! Schnell verlinke ich uns noch, so dass jeder sehen kann, was für eine gute Zeit wir haben. Und die haben wir. Oder vielleicht doch nicht? “Schnell, lass mal ein Foto machen“ sage ich und deute mit meiner Hand auf den leeren Platz auf der alten Couch neben mir. Und so ist es einige Sekunden später auf Facebook zu sehen, samt Kommentaren von Freunden. „Ich mag euch !“ steht da. Bingo Bongo! Ist mir irgendwie total egal, aber irgendwie freut es mich dennoch. Was nun? Ach weiß ich doch auch nicht!

Schwermut und Online-High sein.

Was ist das für eine Welt, in der wir uns zu Cybersklaven gemacht haben? Bewusst ist das nicht geschehen, eher ganz langsam haben wir uns daran gewöhnt. Wie eine schlechte Eigenschaft mit der wir zu leben gelernt haben und für die wir zig‘ Argumente bringen, um diese zu entschuldigen. „Zum Glück hatten wir keine Handy’s als wir in der Blüte unserer Pubertät waren und von A bis Z alles gemacht haben, was uns nun ein wenig überdüssig geworden ist.“, denk ich. Bilder. Überall Bilder. Zum Glück nur in meinem Kopf.

 Darf ich dich adden? – Lern mich doch mal kennen Mann!

Meine Freundin und ich packen die Handys weg. „Jetzt reicht’s!“ sage ich laut. Wohl auch um mir das selbst glaubhaft zu machen. Wir diskutieren. “Weißt du was mich am meisten nervt?“ Ich schaue meine Freundin mit dem kurzen Pony und dem verschmitzten Lächeln an. „Da triffst du jemanden beim Ausgehen in einem Club, flirtest und dann tauscht du mit deinem Gegenüber nicht Nummern, nein! Es wird gefragt auf welcher Community man ist. Mit dem Beisatz: Darf ich dich adden?“ Ich ziehe eine Augenbraue hoch, sehe mich um und mein Gesicht verzieht sich zu einer unschönen Fratze. Warscheinlich würde so aber auch niemand nach meiner Nummer fragen. “ Hey schöne Fratze. Siehst gestört aus. Wollen wa‘ daten.?“

Und dann gehst du auf Facebook und entdeckst DAS!

Du wurdest geaddet. Das ist das Schlimmste. Eine zukünftige Unterhaltung wird sich auf folgende Fakten aufbauen. Urlaubserlebnisse der Person die du auf dessen Profil entdeckt hast. Mögliche Gemeinsamkeiten – “ Hey Juhu! Ich sehe du hast auch das BUTT Magazin abbonniert!? – Stille. Ups. Er steht nicht auf Frauen.

Gemeinsame Freunde: “ Ach nein! Du kennst auch XY?“ – “ Joa. Meine Ex.“ Stille.. Oder die Person  die du gerade kennengelernt hast, ist eine der Wenigen, die einfach Online Plattformen verweigert. Dagen wir zumindest aktiv. Und du findest „nur“ Fotos aus den 90ern. Bestenfalls sogar ein freigeschaltetes Profil, da auch der Datenschutz veraltet ist. Und schon denke ich wie merkwürdig das ist und stolpere über die eigene Oberflächlichkeit. Denn hey! Wir schreiben das Jahr 2012. Facebook – Understatement kommt sicher erst 2015!

Alles totaler Mist.

Wohin führt das? Wenn ich mich dann mit der Person verabrede, was soll ich dann fragen? Ich weiß doch schon alles. Und spätesten wenn mein Gegenüber sagt:  „Letztes Jahr Chile! Das war soo toll. Dieses Sonnenuntergänge!“ Und du so: „Ich weiß.“  Oops. Hat da jemand heimlich das Profil des anderen gestalkt?

 

Wake me up – before you gogo!

„Wake me up before you go-go. Don’t leave me hanging on like a yo-yo“ trällert durch meinen Kopf, während  die wüstetsten Szenarien und Anmach-Add Versuche der letzten Monate an meinen Augen vorübeziehen.

Am liebsten würde ich bei dem Gedanken daran mit Dreck verschmiertem Gesicht und einem russischen Akzent im kaukasischen Unterholz liegen. Und wenn dann jemand vorbeikommt und nach meinem Facebook-Profil fragt, sagen: “Wodka!“ Das ist quasi der Sinn der ganzen Summe und albern noch dazu. Nicht verstanden? Ich auch nicht. Macht einen ganz bescheuert dieses Thema.
Meine Freundin bringt mich mit einem ernstzunehmende Einwand zurück in unseren Dialog: „Wieso bist du auch immer verfügbar??“ Recht hat sie! Wieso eigentlich? Ja wieso?!! Denn meine Wirklichkeit sieht so aus: Wenn ich nicht online bin bei der Zuckerberg Sekte, erreicht man mich auf Skype oder auf dem Handy, per Email und wenn keiner weiß wo ich bin, schaut doch bei den Verlinkungen nach!

Ein Zeichen aus dem Off.

Als ich vor sechs Monaten mal ein paar Wochen kein Internet hatte und niemand auf Facebook sehen konnte was ich gerade so treibe, kam eine Sms :“Wo bist Du?“ Verstehe ich nicht, wie wo bin ich? Zu Hause. Habe eine Flasche Wein aufgemacht, inmitten einer riesigen Collage sitzend. Die hab ich die letzten Stunden gebastelt, da ich zum ersten Mal seit langem meine Kreativität wieder gespürt habe. Diese saugt einem nämlich das verdammte Internet aus. Samt dem Resthirn, was man sich in der oben beschriebenden Pubertät – ohne Selfies- verkifft hat.

Always on Fire – Always on the Phone!

Es ist doch immer so: Wenn du wirklich nichts zu tun hast, meldet sich niemand. Wenn du aber vier Einkaufstüten jonglierend aus dem Aufzug steigst, dann BINGO BONGO! Ein Anruf und immer diese vorwurfsvolle Stimme: „Was ist los?? Du bist nie zu erreichen?“ Superlativ. Nie. „Stimmt nicht, Du hörst mich doch auf der Mailbox, ist doch auch ein Stück von mir.“ habe ich einmal entgegnet. Verständnislosigkeit.
Meine Freundin ist weise. Ich denke, das ist die Konsequenz aus ihrer extrem entspannten Art. Sie sagt: “Du hast sie alle verwöhnt. Die wissen Du bist immer zu erreichen und wenn Du das nicht bist – dann  BÄM ! VORWURF!“ Ich beschließe mich und die hektischen Jünger der modernen Welt auf „Cold Turkey“ zu setzen. Entzugsversuch Nummer eins beginnt. Ich werde  nicht mehr zu reagieren. Nicht mit mir liebe Freunde. Ich bin raus! Keine Comment’s mehr, keine Emails. keine Verlinkungen. Haben das alle mitbekommen??!!!!

Top die Wette gilt!

Du kannst mich mal, sage ich dem Teufel auf meiner Schulter, wer denkst du bist du? Wir sind nicht mal auf Facebook befreundet! „Top die Wette gilt“ sagt er und twittert gleich wie wild auf allen Kanälen, was sich gerade bei hellichtem Tage mitten in Hamburg abspielt. Jemand versucht sich klamheimlich aus dem Systen zu schleichen.

„Das ziehe ich jetzt zwei Wochen durch und beobachte was es mit mir macht“.

„Das hältst Du eh nie durch“ sagt meine Freundin Becky zwinkernd. Unsinn, klar halte ich das durch! Während sie auf Toilette geht, hole ich schnell das Handy raus um zu sehen, ob noch jemand unser Foto kommentiert hat. Danach lasse ich es diebisch wieder in die Tasche gleiten. Während online ein Sack Reis umfällt lehne ich mich demonstrativ zurück, greife nach meinem Wein und genieße die Aussicht…

17. Mai 2012

About Author

Neo ist gut in drei Worten zu beschreiben: Blogger.Lover.RiotGirl. Ihr Herz hat sie in London verloren und in Hamburg wiedergefunden. Mit ihrem lauten Lachen steckt sie nicht nur zu neuen Abenteuern an, sondern nimmt das Leben mit dem gewissen Sinn für Humor ernst. Sie ist immer auf der Suche nach neuen Geschichten und Menschen, die wie sie voller Liebe zum Leben sind und zwischen den Zeilen zur Ruhe kommen. Widerstand ist ihr Lebensmotto! Frei fühlt sie sich auf Reisen und in kleinen, dreckigen Spelunken, in denen sie gerne Kurze kippt und versucht die Jukebox zu bedienen.


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