Kultur

Her mit dem schönen Leben! Festival auf Rügen 2014

hmdsl

Festival Premiere: Her mit dem schönen Leben auf Rügen

Zum ersten Mal findet in Prora auf Rügen das Her mit dem schönen Leben Festival – HMDSL Festival – statt. ThreeWords Autor Neumann war auf Rügen vor Ort, um Mitzufeiern.

Fisch fetzt! schreit uns ein Schild beim Herauffahren auf Rügen an. Die Emotionen gehen hoch – damit sind wir wohl offiziell am Meer angekommen. Im Auto stimmen wir uns mit Pubkulis & Rebecca auf ein neues Festival ein, das auf Rügen zum ersten Mal statt findet: Das Leben ist schön. Ganz dem Festival Motto gemäß empfängt uns klarer Sonnenschein, Seenlandschaften und Autos von feierfreudigem Festivalpublikum meist aus Hamburg und Berlin, die mit uns die Alleenstraßen entlang nach Prora düsen.

Im Inseledeka decken wir uns mit den wichtigsten Dingen ein: Stickado Salamiwürstchen, Camel Zigaretten mit Zebra-Aufdruck, Kesselchips und der Information, dass die Lebensmittelläden dank Bäderregelung das ganze Wochenende geöffnet haben.

Prora war zu Hitlerzeiten ein Kraft für Freude-Seebad

4000 Leute stark ist die Partymenge an diesem Wochenende, die langsam am Festival Gelände eintrudeln – schnell bekommen wir also unser Bändchen an die Hand gebunden. Vor uns ragt der „Koloss von Rügen“ in die Höhe. Prora war zu Hitlerzeiten ein Kraft für Freude-Seebad. Auf 4,5km sollten 20.000 Deutsche gleichzeitig ihren Urlaub verbringen, Propaganda und Verpflegung all-inclusive. Durch den Krieg wurden die Baumaßnahmen in 1939 jedoch abrubt abgebrochen. Das Seebad erbt einen kilometerlangen grauen Klotzbau, der in der DDR Regierung zu einem der Militärstandorte der Nationalen Volksarmee wird (NVA).

„Her mit dem schönen Leben – ist das hier überhaupt möglich?“ fragen die Festivalmacher. Wir glauben ja weil Prora – entstanden und genutzt unter zwei totalitären Systemen – ein schwieriges Erbe darstellt, ist es an unserer Generation, diesen Ort mit Neuem, mit Positivem zu besetzen.

prora

Na dann, auf zum Positiv besetzen! Wir schmieren uns mit Autan und Sonnenschutz ein und trinken unser Mitgebrachtes auf, denn am Tor müssen Glas- und Plastikflaschen abgegeben werden. Ein Bier kostet drei Euro, Wasser gibt es überall kostenlos. Das Festival Gelände besteht aus fünf Bühnen, die direkt anliegend am Zeltplatz, der Jugendherberge und dem Koloss liegen.

Immer in nächster Nähe ist der Strand von Prora, der das Her mit dem schönen Leben-Festival zu etwas ganz Besonderem macht. Denn wann immer du Lust auf Chillen hast oder auf Nacktbaden, Frisbee spielen, Runterkommen, Raufkommen, Herumkommen – hier ist einer der schönsten Ort Deutschlands dafür; mit elektronischen Beats im Hintergrund. Die Tanzfläche, die eine der drei Außenbühnen ist, liegt unterhalb einer Aussichtsplattform mit direktem Blick auf das Wasser. Bei schönem Wetter die beste Location des Festivals – auch wegen der Musik, die äußerst tanzbar ist. Die Höhepunkte in diesem Jahr waren für uns Detroid Swindle, Lexer und Magit Cacoon.

Zum Abend hin wird der Platz vor der Bühne voll. Der Rasen, den es zu Beginn des Festivals noch gab, ist längst Matschepampe, in der man sich von links nach rechts wippend einmassiert. Die Stimmung ist total ausgelassen und die Menge schreit bei jedem neu einsetzenden Beat. Ein Schild mit der Aufschrift Tanzen macht frei wedelt durch die Luft, gleich neben einem Meer von Seifenblasen und einem aufgespießten Pokémon. Ein Mädel kommt auf mich zu mit bunten Blättchen in der Hand, schreibt etwas drauf und klebt es mir auf den Oberkörper: Her mit den schönen Pimmeln ist wohl jetzt mein Motto.

1

Depot und das Nachtlager

Die beiden Bühnen öffnen erst am Abend ihre Tore – im wahrsten Sinne des Wortes, denn das Depot ist eine Scheune. Ein genialer Oliver Schories legt hier auf. Er macht 20 min länger und ich genieße jede Sekunde.

Das Kollektiv Ost und Robag Wruhme sind weitere Acts, zu denen die Leute in Scharen hinlaufen. Erstere haben in die HMDSL Festival Gruppe auf Soundcloud einen der besten Mixe reingestellt, auf dem ich tagelang hängen geblieben bin. Überaus reinhörenswert:

In der Nacht wird es auf  beiden Bühnen jedoch etwas zu schranzig für mich. Grad das Depot erinnert mich an eine Großraumdisko, da es wenig geschmückt ist, viele Leute erhöht wie an Gogostangen tanzen und jegliche Melodie gegen harten Bass eingetauscht wird. Schön warm ist es wenigstens.

Lichtung und Ruine

Mit der Lichtung hat das „Her mit dem schönen Leben-Festival“ eine richtig schön geschmückte Bühne, denn die weiteren Locations glänzen eher durch Lage am Wasser oder den Blick auf den Koloss. Hier hängen bunt bemalte Schuhe und Schaufensterpuppen. Es sind nicht viele Leute hier, denn die Lichtung ist etwas abgelegen von den anderen Bühnen. Zusammen mit der minimalistischen Musik und den tiefen Tönen ist es ein wunderbarer Ort zum Chillen.

Auf der anderen Seite tanzt man an der Ruine vor Industrie-Schick. Die Musik ist eher das Gegenteil von der, die auf der Lichtung gespielt wird, denn hier steigert sie sich von Dubstep zu Drum and Bass zu hartem Techno. Da fangen die Fenster des Koloss‘ nachts sogar das Leuchten an. Gut zu wissen: Von allen Bars auf dem Her mit dem schönen Leben bekommt man hier sein Bierchen am schnellsten. Am Sonntag nach 16 Uhr ist Feierabend. Auf, dass das HMDSL nächsten Jahr wieder zum Feiern an den Strand einlädt, denn das Festivalgelände gehört zu einem der schönsten Deutschlands! Wenn die Musik noch gerade nachts etwas abwechslungsreicher wird und es beim schönen Wetter bleibt, sind wir auf jeden Fall wieder mit dabei.

barke

HMDSL in der lokalen Presse

Das Her mit dem schönen Leben-Festival schlägt große Wellen in der Ostsee-Zeitung – mit einseitiger Meinungsbildung kontra dem Festival. Sowie Artikel wie auch Leserbriefe sind durchweg negativ verfasst. Also habe auch ich Leserbriefe verschickt, um das Bild vom Festival wieder geradezurücken (siehe weiter unten). Der lokale Wählerverbund Pro-Binz hat ihn nun veröffentlicht. Jetzt warten wir noch auf die Zeitung. S.O.S. Qualitätsjournalismus!

Ein Kommentar von Neumann

„Mit einem Schmunzeln habe ich den Artikel „Eine Nummer zu groß und zu laut: Viel Kritik an Prora-Party“ gelesen. Denn ich musste mich fragen: Waren diejenigen, der hier kritisieren, auf dem Festival selbst anwesend? Drei Hauptkritikpunkte werden hierbei angsprochen: Das Parkchaos, die Lautstärke und Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz. Ich selbst bin zum Festival mit dem Auto aus Hamburg angereist. Weder am Anreisetag, noch am Abreisetag gab es einen Verkehrschaos vor dem Festival – was ich sehr beeindruckend finde, denn es führte nur eine Straße zum Festivalgelände, die auch noch eine Sackgasse ist. Auch war der Ort von Prora kaum von parkenden Autos betroffen. Ein Durchreisender hat auf den Straßen nichts vom Festival mitbekommen.

Es sollen 17 Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz gemeldet worden sein. Auch wenn ich das nicht gutheiße, muss man trotzdem bemerken, dass dies bei einem Publikum von 4000 Leuten ein verschwindend geringer Anteil ist gegenüber den über 99 Prozent, die im Einklang mit den Gesetzen feierten. Zusammen mit der der Anmerkung, dass die Musik bis 1.30 Uhr statt 1.00 Uhr als zu laut eingeschätzt wurde – und ich möchte hier betonen, dass es sich damit um eine halbe Stunde handelt – gehören die Kritikpunkte im Artikel eher den Lappalien als den Ärgernissen zuzurechnen. Denn was haben wir auf der anderen Seite nicht großartiges vollbracht?

oz-artikel

Rügen war über seine Grenzen hinaus in aller Munde und ist mit dem „Her mit dem schönen Leben“ wohl einer der beeindruckenste Festivalstandort in ganz Deutschland. 4000 junge Menschen sind aus Berlin, Hamburg und sogar München angereist, um auf unserer Insel einige schöne Tage zu verbringen. Welch anderes Rügener Event kann das von sich behaupten? Ich selbst bin mit sechs Nicht-Rüganern zum Festival gekommen – Freunde, die sonst nicht so schnell nach Prora und Binz gekommen wären und sich nun alle einen weiteren Urlaub in der Region wünschen.

Das Festival hat außerdem viele Menschen dazu bewegt, sich mit dem Koloss von Prora auseinanderzusetzen – auf dem Festivalgelände selbst aber auch im Nachhinein in einer Vielzahl von Blogs.

„Her mit dem schönen Leben – ist das hier überhaupt möglich?“ haben die Festivalmachen gefragt und antworten auf ihrer Webseite: „Wir glauben ja weil Prora – entstanden und genutzt unter zwei totalitären Systemen – ein schwieriges Erbe darstellt, ist es an unserer Generation, diesen Ort mit Neuem, mit Positivem zu besetzen.“ Das Festival hat genau das geschafft, denn die Tage waren gefüllt von tollen Programmpunkten bei bestem Wetter und glücklichen Menschen. Ich habe Angst, dass ewig Gestrige ein Festival dieser Art wie im Artikel als reinen „Krawalltourismus“ beurteilen, statt Prora einzugestehen, sich zu einem modernen Urlaubsort mit einem vielfältigen Tourismus zu entwickeln.

Natürlich passieren bei einer erstmaligen Organisation einer Großveranstaltung Fehler. Natürlich sollten die Festivalbetreiber auf eine bessere Beschilderung, Parkflächen und auf die öffentlichen Beschallung innerhalb de vorgegebenen Rahmens achten. Gleich aber das ganze Festival in Frage stellen? Ich erwarte mehr von Deutschlands modernen Seebädern als Schnellschüsse aufgrund von übermäßig aufgebrachten Spießbürgern.“

27. Mai 2014

About Author

ThreeWords.Magazine Das ThreeWords.Magazine ist ein Urban Culture Magazine für Individualisten aus Hamburg und der Welt. Wir interessieren uns für Lebenskünstler, Großstadtliebe, Que(e)res Gedankengut, Nachhaltigkeit, Inspiration und Kultur. Für uns ist alternatives Leben selbstverständlich. Wir schreiben urbane Geschichten, zwischen weiß und schwarz. Wir nehmen Euch mit auf Reisen, in spannende Austellungen oder stellen Euch interessante Persönlichkeiten vor. Wir lieben Abenteuer. Seid ihr dabei?


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Über Uns

ThreeWords ist ein Urban Culture Magazine für Individualisten.

Die Inhalte sind extrem liberal: Sie zeigen, dass alternative Lebensweisen zum Mittelpunkt des Lebens gehören und nicht im Untergrund oder abseits der Gesellschaft gelebt werden müssen.

Unsere Themen sind Interviews. Menschen. Urbane Geschichten. Leben. Kunst. Events. Musik. Reisen. Kultur und Großstadtliebe aus Hamburg und der Welt.

Folge uns auf Facebook
Für Marken & Unternehmen

Advertising & PR mit ThreeWords.Magazine

Advertisement Links| Advertisement Space |Sidebar Banner Ads | Affiliate Partnership|Brand Ambassadorship | Content und /oder Gewinnspiel Kooperationen | Press Trips|Product - Brand - Facility or Hotel Reviews |Social Media Kampagnen | Erwähnungen| Sponsored Blogposts

Interessiert? Dann sende eine Mail an: threewords-magazine@gmx.de

Impressum
ThreeWords.Magazine is published by Stephanie Bastian | PR&Social Media | 22767 Hamburg

Facebook