Kultur

Kunst statt Knast – Malerei als Chance

Künstlerin Lisa Kastner aus Berlin

Die Malerin und Therapeutin Lisa Kastner im Interview

Sie hat ein Auge für das sinnlich-weibliche. Die Malerei ist ihre große Liebe.  Auf der anderen Seite unterstützt sie straffällig gewordene Jugendliche bei ihrem sozialen Projekt Kunst statt Knast, nicht mehr direkt gesellschaftlich zerstörerisch zu handeln.

Wenn Jugendliche straffällig werden, helfen die klassischen staatlichen Maßnahmen häufig wenig oder gar nicht. Bei Malerin Lisa Kastner dürfen die Jugendlichen radikal sein. Künstlerisch radikal. Doch wie kam sie auf die Idee den schwierigen Teenies zu helfen? Nun, auch in ihrem Leben verlief nicht alles nach Plan. Die Malerei konnte ihr in schwierigen Momenten einen Ausgleich geben. Sie gibt ihr den Raum, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Diese Reflexion soll auch den straffälligen Jugendlichen helfen, sich selbst neu zu erleben und sich mit alternativen Handlungsalternativen auseinanderzusetzen.Wir haben sie getroffen und mit ihr über ihre bewegende Arbeit, die Kunst und ihr Leben gesprochen.

Lisa, was bewegt und inspiriert dich in deiner Arbeit?

Die Erschaffung und Verbildlichung des sonst nicht Ausgesprochenen. Die Lust am eigenen Können und natürlich das Lob meiner Mitmenschen. Inspiriert bin ich aus einem inneren Gefühl heraus, der Lust am Leben oder durch intensive Dinge, die ich sehe und wahrnehme. Ich beginne nur, wenn ich ein positives, lustvolles Gefühl habe, was sich im Prozess aber noch ändern kann. Ich mache mir Musik in der Dauerschleife an und starte. Ich schaue mir gerne dabei meine Kunstbücher an, um mich für die richtigen Formen einzustimmen.

Wie bist du zur Malerei gekommen?

Meine Familie, speziell die weibliche Seite, ist schon immer sehr künstlerisch gewesen. Aber eher als Hobby und so haben sie mich sehr früh damit angesteckt. Meine Oma hatte wunderschön gezeichnet. Meine Mutter interessierte sich eher für Architektur iund Möbel. Ich weiß noch, wie Sie mir als ich ein kleines Mädchen war ein Buch zu Leonardo da Vinci gab – fast wie den Heiligen Gral. Es war auch sehr schwer, daran erinnere ich mich genau. Das habe ich mir damals stundenlang auf dem Fußboden angeschaut.Irgendwann fing ich an die Dinge nachzumalen. Das hat so viel Freude gemacht und ein bisschen Talent hatte ich scheinbar auch, sodass ich dabei blieb und mich nach und nach selbst weiterbildete. Da Vinci ist ein sehr guter Einstieg, da er so all umfassend ist. Eine frühe Renaissance auch in meinem Kopf.

Therapeutin und Malerin Lisa Kastner

Was ist deine Ästhetik?

Speziell in meinen Arbeiten findet man immer etwas körperliches, organisches, weiblich und sinnliches. Je nach Alter änderten sich die Darstellungen dieser Formen. Früher waren sie recht klar, sauber und geordnet. Einfach zu begreifende, ganz harmonische Kompositionen. Auch rauschende Farbbäche nach Art Georgia O’Keeffe. Im Unglück aber sind meine Arbeiten oft ganz wirr und düster. Manchmal hatte ich Angst zu beginnen, da man so klar vor Augen hat, was man fühlt. Häufig ist es so, dass man seine Bilder erst nach einiger Zeit betrachtet einen Sinn haben. Das Unbewusste setzt sich immer durch.
Im Moment spiele ich gerne mit optischen Täuschungen und Symbolen. Ein Bein ist ein Kopf, ein Gesicht ist zwei. Ich unterstütze diese Balancen gerne mit entsprechenden Farbkontrasten. Also zum Beispiel: Violett als dunkelste Farbe an strahlendem Gelb hat sehr viel Kraft. Diesen Akzent an die richtigen Stellen gesetzt kann sehr beglückend sein. Ein Freund meinte mal, ich jage meine Betrachter über den Sportplatz. Ja nun, meine Bilder brauchen schon viel Raum. Ich denke ich werde demnächst aber wieder klarer in meinen Arbeiten.

Die Leute haben ja keine Zeit mehr. Persönlich liebe ich die Arbeiten von Max Klinger – ein Maler und Grafiker aus dem Symbolismus. Wie zart und scharf er die Linien gesetzt und dabei so schöne gefühlvolle Szenen entwickelt hat. Herrlich! Es lohnt sich, sich mit Künstlern jeder Zeit zu beschäftigen. Ich empfehle Kunstkataloge als Nachtlektüre. Bilderbücher für Erwachsene, nicht so schwer wie Dostojewski und nicht so platt wie Facebook.

Weshalb wolltest du Kunst mit Therapie verbinden? Und was hat dich dein Studium gelehrt?

Dadurch, dass ich selbst meine beste Patientin bin, kenn ich mich ganz gut aus. Malerei kann für viele Menschen sehr befreiend sein. Nicht für Jeden, das sage ich ganz klar.Manche brauchen einen Box-Sack, reden viel oder lenken Ihre Energien gut ins Alltägliche. Ich finde die Kunst als Therapie deshalb so schön, weil man dadurch ins Tun kommt. Man stellt etwas her, hat am Ende ein Produkt, das einem Antworten geben kann oder worauf man einfach stolz ist.In der Gesprächstherapie eiert man oft ewig um dasselbe Thema. Das führt zu nichts, die Zeit kann man besser nutzen. Beeindruckend ist zu sehen, wie schnell und klar du durch die Kunst, das Handgefertigte, zum Wesentlichen kommst, da sich das Unbewusste durchsetzt, das du nicht manipulieren kannst.

Die Kunsttherapie ist eine Wissenschaft, sie unterliegt ganz klaren Richtlinien. Das Papier ist die Bühne, das Material dein Werkzeug. Sie ist das Abbild deiner Gefühle und Gedanken. Es gibt die Einzelarbeit. Du kannst aber auch mit Anderen zusammen im Atelier arbeiten. Bei Bedarf bekommt man eine Rückmeldung, deine Arbeit wird wertgeschätzt und du kannst dich vergleichen. Der soziale Aspekt einer Gruppe, ein Zusammengehörigkeitsgefühl, ist gerade in der Anonymität der Großstädte nicht mehr zu unterschätzen. Das Studium hat mich gelehrt, noch offener zu werden und mir Zeit gegeben, mich auch fachlich mit Psychologie, Krankheitsentstehung, Ästhetik und Kunstgeschichte zu befassen.

Hier kam ich auch das erste Mal mit der Bildhauerei in Kontakt. Eine weitere schöne Form des Ausdrucks. Es verlangt noch einmal ganz andere Dinge von dir, als die reine Malerei. Ist die eine Seite der Skulptur schön gearbeitet, sieht sie etwas gedreht schon wieder nicht so gut aus. Manche Männer mögen Bildhauerei auch lieber als schnödes Papier. Schönen großen Stein!

Kunstkataloge als Nachtlektüre - Lisa Kastner

Berlin ist für seine Kunstszene bekannt. Wie offen ist Berlin für neue Kunstkonzepte?

Berlin ist wirklich voll von Kunst und Galerien. Ja! Das Klientel auf Ausstellungen betrachte ich aber häufig viel lieber als die ausgestellten Arbeiten. Ich habe den Eindruck, die Galerien haben sich hier zu einer Art gesellschaftlichen Bühne entwickelt. Die Werke sind oft etwas zweitrangig.In den letzten Jahren waren viele Ausstellungen auch nach Art einer Pusteblume entwickelt oder so arrogant, dass man sehr viel Mühe hatte zu verstehen, was der Künstler sagen will, umständlich in Katalogen wühlte oder das Kleingeschriebene neben den Werken zu lesen versuchte.

Für meinen Geschmack verbarg sich dahinter dann häufig nicht viel. Das ändert sich gerade wieder. Man kehrt zum handwerklich gut Gemachten zurück. Das mag ich sehr, denn es kommt dem Betrachter entgegen ! Man sieht da hat sich jemand etwas Mühe gemacht. Das finde ich persönlich als Schlüssel zum Betrachter immer sehr aufmerksam. Zudem kann es auch durchschnittlichen Mitteilungen einen Wert geben. Wenn die Kunst ein Abbild der Gesellschaft ist, mag ich diese Entwicklung.

Was die Offenheit für neue Kunst angeht. Ja, auch das ist hier gegeben. Man bekommt sofort einen Raum, hat die Möglichkeit alles zu zeigen. Über soziale Netzwerke bekommt man die Galerie auch schnell voll. Je nachdem wen man ansprechen möchte hilft es, sich meinungsbildende Personen mit ins Boot zu holen. Alphatiere –  Katy Perry in der front row. Das Kunstwerk entscheidet dann nach wie vor über die Beliebtheit. Wie gesagt der weiße Raum als Aussage ist durch. Gott sei Dank! Wenn man sich als armer Künstler ohne Namen aber finanzielle Unterstützung wünscht. Nee da sieht es dünn aus. Ebenso wie künstlerische Projekte im sozialen Bereich.

Warum war es dir wichtig mit uns ins Gespräch zu kommen und auf unserem „Kunst und Klang“ Event auszustellen?

ThreeWords vernetzt und schafft Kultur. Es ist sehr wichtig, dass sich Menschen zusammentun, um sich in ihrer Stadt zu engagieren. Die Leute zu informieren, aufzuklären, zu inspirieren und sie an ihren Werte teilhaben zu lassen. Gerade als Gegengewicht zu unserem manipulativen und medialen System. Jeder, der etwas Wichtiges zu sagen hat, sollte sich trauen es sagen – ob er gehört wird, entscheiden die Anderen.

Auf was können sich die Besucher des kommmenden Events einstellen?

Vier großformatige Malereien aus meiner letzten Phase. Farbig, weiblich, sinnlich!

 

11. Februar 2014

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