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Liebe, Sex und Hedonismus. Die neue Lust sich nicht entscheiden zu müssen.Teil 3

Be Wild! Be Free! Junge Hedonisten im Interview

In den 60er Jahren fand die so genannte Freie Liebe ihren Ursprung. Kommunen propagandierten die Freie Liebe. Menschen wollten herausfinden, was sie durch den Krieg und die nachfolgende Erziehung verpasst hatten. Und dann kam Sex Sex Sex! Und bis heute die große Frage: Alles kann – nichts muss? Aber wo stehen wir im 21. Jahrhundert? Gibt es den Einen, perfekten Partner und brauchen wir Diesen überhaupt? Oder ist das nur konservativer Egoismus der uns anerzogen wurde? Manche folgen alten Normen, wie der zweier Beziehung und scheitern. Andere leben als Single glücklich und frönen dem hedonistischen Leben. Wiederum andere zerbrechen daran. Denn „alles kann nichts muss“ ist manchmal ein Chaos an Vielfältigkeit. Ich habe mich mit jungen Hedonisten getroffen, für die Liebe und Sex mehr als eine reine Hülle ist und sie dennoch das Extreme suchen. Heute mit Leon (27) aus Stuttgart.

Der humorvolle Wilde, der nach Liebe sucht.

Beschreibe dich in wenigen Worten: Quirlig, aufgeschlossen, lustig. Ich brauche immer Menschen um mich herum. Unorganisiert und unordentlich. „Findet sich manchmal geil“ (lacht)! Aber nur manchmal!

Wann hattest du deine erste Beziehung und wie war das? Mit 17 oder 18 Jahren, denke ich und die war mit einer Frau. Es war ziemlich cool, eine normale Beziehung würde ich sagen.Meine erste Beziehung mit einem Mann hatte ich zweieinhalb Jahre später, dazwischen lagen drei Beziehungen mit Frauen. Also damals bin ich umgezogen in eine neue Stadt, neues Glück, neue Erfahrungen. Ich hatte zuvor auf einer Party einen Typ kennengelernt und dachte mir ,Ach, lass doch mal eine Beziehung anfangen!‘ Im Endeffekt war ich gar nicht so verliebt. Aber komischerweise hat es ein Jahr gehalten. Ohne dass ich im Nachhinein sagen würde, dass ich mit unheimlich vielen Gefühlen dabei war. Aber es war auf jeden Fall spannend. Es war anders, es war emotionaler mehr dabei als bei einer Frau. Das heißt im Alltäglichen, als auch beim Sex. Obwohl mich der Typ fast jeden Tag auf 180 gebracht hat, weil wir irgendwie gar nicht zusammen gepasst haben.Aber es war interessant für mich herauszufinden: ,Kann ich eine Beziehung mit einem Mann führen?‘ Offensichtlich war es dann doch so gut, dass ich bis heute bei Männern geblieben bin!

Liebst du Männer oder auch Frauen? Ich liebe Männer!

Wo ist der Unterschied? Ich liebe es Frauen anzuschauen. Ich liebe Brüste. Ich liebe Frauen in Corsagen und Stiefeln. Ich mag es sehr mich mit Frauen zu unterhalten. Aber das war es dann auch schon.

Was denkst du über One Night Stands? Notwendig, ne. Das Warten auf eine festen Beziehung dauert mir einfach viel zu lange!!

Wie kamst du zum Sexdating? In der Schwulenszene ist es so ziemlich normal Sexdates zu haben. Ich war da sehr lange außerhalb, da ich lange Zeit feste Beziehungen zu Männern hatte.Außerdem auch immer treu war. Seit ungefähr zwei Jahren bin ich nun Single und habe das in verschiedener Art und Weise ausprobiert. Es gibt ja ganz unterschiedliche Möglichkeiten Sexdates zu haben. Zum Beispiel über das Internet – „Gay Romeo“. Oder man lernt jemanden im Club kennen oder auch in der Gay Sauna. Vielleicht auch in „Darkrooms“ oder Sex Bars. Es gibt da ganz unterschiedliche Sachen und alles war für mich sehr neu und spannend. Für mich ist das Thema aber sehr normal und durch diese Normalität bin ich da einfach auch so rein gerutscht. Denn wenn es alle machen, warum sollte ich mich zügeln und es nicht auch genießen?

Kannst du mir ein paar unmögliche Stories über schreckliche Sexdates erzählen? Oh ja! Ich habe da so Einiges. Von jemanden, den ich ganz schick fand, bis er die Hose runter gelassen hat, bis dahin, dass ich Angst hatte, beim bloßen Anschauen der Person mir eine Krankheit zu holen. Aber auch total lustige Storys, die man(n) sonst nicht hätte.

Erzähle doch mal eine Geschichte, die dir im Gedächtnis geblieben ist, die so abgefahren oder witzig war oder auch wo du gesagt hast „Das ging überhaupt gar nicht!“ Ok! Ich erzähle eine lustige Story. Also ich hatte einen Typen im Bett, bei dem ich Angst hatte, dass er einen epileptischen Anfall bekommt. Da er so rumgezappelt beim Sex hat, dass ich ehrlich dachte, der kippt mir gleich um! Es hat sich dann heraus gestellt, dass dies seine Art ist, mit jemandem zu schlafen. Und offensichtlich wusste ich damit nichts anzufangen und wollte diesen Menschen auch nie wiedersehen. Jetzt habe ich aber auf der nächsten Party, sehr kurze Zeit später, jemand kennengelernt.Und diesen Mann fand ich ganz niedlich und wollte ihn unbedingt wiedersehen. Ich geh also von der Party nach Hause, ich hatte ihm ja meine Nummer gegeben, bekomme also eine Sms: „Hey, das war echt toll, würde dich gerne wiedersehen…“. Und ich dachte natürlich: „Super! Das hat geklappt!“ Wir haben dann die ganze Woche geschrieben und auch wie sehr ich mich schon auf ihn freue und das wir unbedingt dies und jenes miteinander machen sollten.

Nach einer Woche haben wir uns dann verabredet, erst in einem Club mit Freunden und dann offensichtlich verziehen. Ich komme dann also in dieser Lokalität an und auf einmal steht dieser Zappeltyp dort am Eingang! Ich bin dann zu ihm hingegangen und sagte ,Hey! Ist ja cool dass du da bist, was machst du denn hier und mit wem bist du da?‘ Und er dann so: „Eh. Mit dir?“ (lacht extrem laut). Und ich dann so: „WHAT? SHIT! Wirklich jetzt?“. Ich habe ihn dann trotzdem mit in den Club und auch am Ende nach Hause genommen, denn er war ja mit mir der einzige Schwule dort und es gab nichts anderes. Denn wir waren auf einer „Heten Party“. Und dieser Sex war, also – kein Kommentar. Das erste Mal mit ihm war es einfach nur „weird“, weil ich nicht wusste, was da nun mit mir passiert. Aber nun, beim zweiten Mal, war es sehr komisch. Da ich die ganze Zeit seinen Kopf in meinen Hals drücken musste, weil ich nicht aufhören konnte zu lachen (…). Ja, das sind so die Momente im Leben eines Singles, wo man sich denkt: Augen zu und durch!“

Was war dein schönstes Erlebnis? Ein schönes Erlebnis ist ja auch immer, wenn dich Menschen überraschen, von denen du es nicht erwarten würdest. Wenn dir jemand morgens Frühstück macht zum Beispiel.Also mich hat mal ein Mann bei Sonnenaufgang zu seinem Lieblingsort gebracht, das war wirklich unheimlich schön. Das war so ein Gebäude, wie eine Terrasse, von dem man einen Blick über die ganze Stadt hatte.

Was verbindest du mit dem Wort Fetischismus? Fetischismus ist ja etwas, was einen heiß macht aber nicht jeden heiß macht! Etwas Anderes und Besonderes! Wenn ich hetero wäre, denke ich da zum Beispiel an Corsagen.Ich hatte einmal etwas mit einem Fussfetischisten. Aber an sich finde ich das komisch, denn Füße sind nun nicht mein Ding und schon gar nicht mein Fetisch. Es war aber sein Bedürfnis und ich habe mich dann einfach hingegeben und muss auch sagen, es war gar nicht so schlecht! Er hat mich massiert, geleckt, was anfangs merkwürdig war. Aber ich dachte, aus der Nummer kommste jetzt eh nicht mehr raus (lacht)!

Was macht dich so richtig an, worauf stehst du? Also ich habe zwei Persönlichkeiten. Die eine ist die Betrunkene, die steht auf etwas anderes, als die Nüchterne. Wenn ich also im Partymodus bin, stehe ich auf die knallharten Arschlöcher und wenn ich im Alltag bin, finde ich jene Männer total unattraktiv.Bei mir hängt das auch sehr vom Partner ab, ich bin aktiv passiv und daher auch flexibel, was mein Gegenüber angeht. Ich mag beides sehr gerne. Von daher, wenn ich passiv bin, mag ich eher das härtere, auch gerne mal Spanking, auch ins Gesicht.Wenn ich aktiv bin, mag ich es mit dem anderen zu spielen, zu switchen zwischen lecken, blasen und Sex. Langsam und schnell und wieder zurück!

Was bedeutet das dann sexuell für dich? Das ich meistens im besoffenen Zustand, dass ich mit solchen testosterongeladenen Männern abhaue.Wenn ich ich bin, dann ist es mir sehr wichtig mit den Menschen zu reden, sie kennenzulernen. Dann am liebsten ,Niceguys‘.

Was hast du in deinem Leben schon ausprobiert? Mh, also man hat ja viel Spielzeug in Gaysaunen. Slings habe ich ausprobiert! Ich liebe es zuzuschauen und war selbst auch schon mal der Mittelpunkt einer Orgie. Sex im Wasser finde ich ganz witzig. Ich bin nicht so der Spielzeug Freund. Das heißt Dildos, Handschellen und das ganze Zeug tangiert mich gar nicht. Glorywhole habe ich ausprobiert, Klar (lacht)! Der Dreier war auch sehr gut, mit zwei ziemlich, ziemlich knackigen Typen Sexkino. Was ich nicht so mag ist, wenn der Darkroom total dunkel ist. Das habe ich zweimal ausprobiert, aber ich finde, dass man es zumindest durchschimmern sehen sollte. Ich finde Voyeurismus einfach klasse. Ich war einmal in der Sauna und da war ein Gitter, durch das man alles beobachten konnte. Da war ein Typ, der auf dem Bauch lag und seinen Arsch hoch gestreckt hat und jeder durfte sich einmal drauflegen. Ich wollte nicht mitmachen, das ist nichts für mich, aber was ich gut fand, war zuzuschauen.

Wo siehst du die Probleme in der Gay Szene? Eines der größten Probleme sehe ich darin, dass alles auf das Äußerliche reduziert wird. Dass also nur wichtig ist, wer gut aussieht oder in welchem Stadium du gerade bist. Und dass nichts ernster wird. Oft wird man schnell wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen. Man hat also viel miteinander geteilt und das spielt keine Rolle. Ich mache das zwar auch, finde es aber schade. Das Spiel mit dem Äußeren, das wie ein Wahn betrieben wird, ist ermüdend. Du kannst noch so einen geilen Charakter haben und nett sein, aber bist du nicht das, was der andere äußerlich will, interessierst du nicht. Passt du in mein Raster oder nicht? Alles andere ist völlig egal. Als Mensch wirst du absolut nicht wahrgenommen.

Was macht dir Angst oder vor was hast du Respekt? HIV. Krankheiten im Allgemeinen. Aber ganz klar HIV!
Ich bin ein absolut safer Typ, aber jedem ist das schon mal passiert und man macht sich schreckliche Vorwürfe.

Wie siehst du deine Rolle als schwuler Mann? Wirst du diskriminiert? Oder sind wir endlich im liberalen Zeitalter angekommen? Ich muss dazu sagen, ich kenne jetzt nur noch das Leben in der Stadt. Also ich bin irgendwann mal vom Dorf meiner Eltern los, als ich noch Hetero war und bin in der schwulen Stadt aufgewacht. Ich habe auch noch nie ein Problem mit Diskriminierung gehabt. Sicher hört man auch mal bescheuerte Teenager, wenn man so Hand in Hand mit jemandem lang geht, da wird schon mal hinterher gegröhlt. Aber das finde ich jetzt nicht wirklich schlimm. Abgesehen davon bin ich auch derjenige, der das gerne provoziert, indem ich extra an solchen Typen Hand in Hand vorbei gehe oder mich extra wild herum knutschend vorbei schiebe.“

Was liebst du am Leben? Oh, dass es so viel Unterschiedliches gibt! Dass das Leben immer neue Dinge für dich bereit hält. Dass dich Menschen immer wieder überraschen können, das finde ich immer sehr schön. Nicht nur bei Menschen die du kennst, sondern auch bei Fremden die Freunde werden und dir neue Dinge, Orte und Sichtweisen zeigen.

Glaubst du an die Liebe? Ja! Ich glaube an die Liebe und ich habe sie schon mehrmals gehabt in meinem Leben. Ich bin mir auch sicher, dass ich eine große Liebe gehabt habe, die ich gehen lassen habe. Ich hoffe auch, dass ich so etwas wieder fühlen werde. Aber ich bin sehr überzeugt davon, dass es Liebe gibt, ja.

Warum hast du bei diesem Interview mitgemacht? Ich finde die Interviewerin sehr interessant und war gespannt, welche Fragen mir gestellt werden. Außerdem kommt man bei so einem Gespräch immer selbst auf neue Antworten und Gedanken. Das Thema ist ja nun nicht alltäglich oder man die ganze Zeit spricht. Also man spricht ja meist über das ,Neue‘ – im Allgemeinen (lacht) oder welche Einstellung man zu etwas hat. Doch das alles hat mich interessiert. Ja!

Was wünschst du dir?
Viel Liebe!

Danke für dein Vertrauen.

 

1. August 2017

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